Was sind Vermögenswerte und Verbindlichkeiten?

Vermögenswerte Verbindlichkeiten

Warum ist finanzielle Bildung wichtig?

Was sind Vermögenswerte und Verbindlichkeiten? Eine Frage die eigentlich jeder sehr präzise beantworten könnten sollte. Je nachdem wie lange die Schulzeit zurück liegt, wurden wir in unterschiedlichen Fächern unterrichtet. Finanzielle Bildung spielt aber in der Regel eine untergeordnete Rolle. In den letzten Jahren fiel mir auf, dass jugendliche Stimmen lauter wurden, die nach praktischem Wissen für den Lebensweg verlangen. Frisch im Berufsleben angelangt, kommt dann der Satz:

„Warum hat uns eigentlich niemand erklärt wie man eine Steuererklärung macht?“

Antwort darauf war häufig:

„Einige Fähigkeiten müssen eben von den Eltern vermittelt werden“ .

Vielleicht nicht ganz fair. Dass unser Schulsystem nicht zu den Besten gehört, haben wir viele Jahre mehr oder minder hinnehmen müssen. Ein ums andere Jahr wurden uns ernüchternde PISA-Ergebnisse präsentiert. Allerdings soll das an dieser Stelle nicht die primäre Rolle spielen. Es geht nicht um die Leistung der Schüler in den PISA-Fächern. Zumal diese Schulleistungsuntersuchungen ohnehin nur das derzeit etablierte System kontrollieren. 

Die Idee dieses Systems ist es ein Grundwissen zu vermitteln, dass den Lernenden als Werkzeug dient um Zugang zu all den später nötigen finanziellen Entscheidungen und Möglichkeiten zu erhalten. Und das ist richtig und auch wichtig. Aber ist das auch ausreichend? Wie sieht denn die Realität aus?

Ein schönes Beispiel ist die Steuererklärung von Studenten. „Welche Steuererklärung?“ Richtig, die wenigsten Lernenden machen sich die Mühe jedes Jahr daran herumzuschrauben. Warum auch, sie müssen es ja nicht. Dabei können Studenten im Schnitt 3000 Euro zurück bekommen, wenn Sie eine Steuererklärung abgeben. Da die entsprechenden Positionen und Einkommensarten bei den meisten Studierenden verhältnismäßig übersichtlich bleiben verglichen mit jemandem der zum Beispiel eigene Immobilien besitzt und damit Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung bezieht, ist auch die Erstellung der Steuererklärung einmal jährlich relativ aufwandsarm. Hat man das Prinzip einmal verstanden, geht der Rest schnell.

In der Realität könnte das so aussehen: Otto Normal studiert insgesamt 5 Jahre, drei Jahre für den Bachelor und nochmal 2 für den Master-Abschluss. Er sammelt jedes Jahr alle absetzbaren Ausgaben und gibt diese jeweils in der Steuererklärung an. Ob er die Quittungen in eine Schublade oder einen Ordner mit der Aufschrift „Steuererklärung 2020“ ablegt, macht zeitlich kaum einen Unterschied. So entsteht ihm steuerlich ein Verlustvortrag. Nachdem er den Master-Studiengang erfolgreich abgeschlossen hat, beginnt er als Arbeitnehmer monatlich Gehalt zu beziehen und zeitgleich eben auch Steuern zu zahlen. Nun gibt er bei der kommenden Steuererklärung den durch sein Studium entstandenen Verlustvortrag an. Sein tatsächlich zu versteuerndes Einkommen verringert sich dadurch und er bekommt 3000 Euro zurückerstattet. Wenn er jedes Studienjahr 2 Stunden für die Steuererklärung genutzt hat, ist das ein Stundenlohn von 300 Euro. Wer würde da nein sagen?

Grundaussage: Finanzielle Bildung wird von Politik und Privathaushalten im Allgemeinen noch immer unterschätzt. Und deshalb haben wir in diesem Land mehr relative Armut als notwendig wäre.

Thesen über die Ursache:

1. Lehre über den Kapitalismus: Zu wenig und zu unspezifische Lehre, wie das System funktioniert und wie man sich darin bewegt.
2. Vermögensaufbau / Eigentum: Fokus liegt auf „Gute Noten, guter Job, gutes Einkommen“ und bestärkt Konsum-Mentalität, Aufbau von Eigentum wird vernachlässigt. Antworten auf die Frage: „Wie schaffe ich Vermögenswerte?“ werden kaum gegeben.
3. Unternehmerisches Denken findet in der Regel praktisch gar keinen Platz.

Je nachdem worüber man in Wirtschaftsrunden gerade diskutiert, kommt es zur Sprache, dass nur jeder dritte Deutsche am Monatsende etwas zurücklegen kann. Dem kann man mit leeren Worthülsen und Phrasen begegnen, in denen es von Worten wie Mindestlohn, gerechte Bezahlung, Zusatzleistungen und vielem mehr wimmelt. Aber wieviel direkten Einfluss haben diese Dinge ganz akut für den Einzelnen?

Das System ist träge, man sollte also am besten bei sich selbst anfangen um direkt etwas bewirken zu können. Vielen Leuten ist mit heißen Diskussionen um 0,34 Euro mehr je Stunde die es in XY-Monaten geben soll nicht geholfen. Für Einige ist es jeden Monat knapp.

Ob am Ende des Monats etwas übrig bleibt hängt nämlich von ganz genau zwei Variablen ab.

Einnahmen und Ausgaben

Eine präzise monatliche Übersicht über diese Größen zu haben, ist die absolute Basis um überhaupt ein Problem zu erkennen. Man kann man gar nicht früh genug anfangen dieses Wissen an seine Kinder weiterzugeben. Vielleicht schon bei den ersten Euro Taschengeld. Und seien wir mal ehrlich: Der Zeitpunkt wird kommen an dem der Nachwuchs die berühmte Frage nach einer Taschengeld-Erhöhung stellt oder für eine besondere Sache Geld haben möchte. Eine Steilvorlage für folgende Antwort:

„Weißt du denn eigentlich genau wofür du dein Taschengeld bisher ausgegeben hast?“

Vielleicht noch ein Disclaimer bevor man mir nachsagt, dass ich mich um Kopf und Kragen rede. Ich bin kein Pädagoge. Dennoch glaube ich, dass man mit relativ wenig Aufwand ein gewisses Bewusstsein, ja einen Spürsinn, für Verhältnismäßigkeit wecken kann.

Im Buch Kopf schlägt Kapital von Günter Faltin, zeigt dieser ein Beispiel auf, in dem Straßenkinder so wirtschaftlich agieren wie echte Unternehmer, um sich durchzuschlagen. Vom Handel mit Drogen war dort nicht die Rede. Es ging im Speziellen darum, dass diese Kinder im Fach Mathe zwar versagten, auf der Straße aber genau wussten wie viel sie für ihre Waren verlangen konnten und mussten, um einen Gewinn für sich zu erwirtschaften. Paradox, oder? 

 Neben einer genauen Übersicht von Einnahmen und Ausgaben, ist es wichtig zwei weitere Dinge auseinanderhalten zu können.

Was versteht man unter Vermögenswerten?

In der Bilanzbuchführung ist ein Vermögenswert verhältnismäßig aufwendig definiert. In einem Satz: Ein Unternehmen verfügt über eine Ressource die es in der Vergangenheit akquiriert hat und von der in der Zukunft der Zufluss wirtschaftlichen Nutzens erwartet wird. Als Privatperson kann man damit vermutlich wenig anfangen. Die meisten Leute würden ihr Haus und ihr Auto vermutlich als Vermögenswert bezeichnen. Aber ist das richtig?

Die einfachste Art einen Vermögenswert zu erkennen ist, indem man sich die Frage stellt, ob die Sache um die es geht einem regelmäßig Geld einbringt oder Geld abringt. Bringt sie einem regelmäßig Geld ein, handelt es sich um einen Vermögenswert.

Ein paar Beispiele typischer Vermögenswerte zum besseren Verständnis:

  • Wertpapiere wie z. B. Aktien oder Anleihen
  • Rohstoffe wie Gold und Silber
  • Bargeld oder Geld auf Tagesgeld und Girokonten
  • Gegenstände mit Sammlerwert
  • (…)

Was sind Verbindlichkeiten?

Auch dafür hat die Welt der Buchhaltung eine aufwendige Definition. Es ist die Verpflichtung eines Schuldners gegenüber seinem Gläubiger, eine bestimmte Geldleistung (oder auch einer anderen Leistung) zu erbringen.

Woran erkennt man eine Verbindlichkeit? Indem man sich die Frage stellt ob die Sache um die es geht einem regelmäßig Geld einbringt oder Geld abringt. Ringt sie einem regelmäßig Geld ab, ist es eine Verbindlichkeit.

Das klingt ja alles erst einmal recht simpel. Es lohnt sich aber einen genaueren Blick auf die einzelnen Vorgänge zu werfen. Das eigene Haus ist dafür ein schönes Beispiel. Ist es dein größter Vermögenwert oder deine größte Verbindlichkeit?

Ist ein Haus ein Vermögenswert?

Ein typisches, junges Paar erfüllt sich seinen Lebenstraum. Nennen wir sie Anna und Paul. Sie kaufen sich ein Haus. Dafür müssen sie bei ihrer Hausbank einen Kredit aufnehmen, den sie zu ihrer großen Freude auch bekommen. Von nun an zahlen die beiden jeden Monat eine vorher vereinbarte Geldsumme an die Bank. Ein Teil davon dient der Tilgung des Kredites. Der andere Teil besteht aus Zinsen. Die Bank verleiht das Geld schließlich nicht umsonst. Außerdem müssen Anna und Paul natürlich ihr neues Domizil beheizen und mit Strom versorgen.

Dazu kommen allerlei Nebenkosten (Müll, Instandhaltung, etc.) die ich an dieser Stelle nicht gänzlich aufliste sondern beim Wesentlichen bleibe. Bis das Haus vollständig bezahlt ist, dauert es in den meisten Fällen beinahe den Rest des Lebens. Die Illustration dieses Vorgangs soll veranschaulichen was intuitiv eigentlich jedem klar ist: Ein Haus kostet Geld, es bringt einem kein Geld ein. 

Das Beispiel mit dem Haus ist zugleich einfach, jedoch auch kompliziert. Ich habe es deshalb ausgewählt, weil es meines Erachtens das prominenteste Beispiel der Unklarheit über die Natur einer Investition ist. Die Einstellung dazu und das Wissen um dessen Wesen ist jedoch auch im alltäglich Leben von entscheidender Bedeutung. Es geht nicht nur um große, in der Regel seltene Ausgaben wie Haus und Auto.

Im folgenden ist eine vereinfachte EÜR (Einnahmen-Überschuss-Rechnung) abgebildet. Diese könnte für Anna und Paul gelten. Ihr Eigenheim ist dort als Verbindlichkeit eingetragen, da es ihre monatlichen Ausgaben mehrt. In dieser Variante besitzen sie zu ihrem Glück aber auch eine Wohnimmobilie, die sie vermieten. Sie findet sich in der Vermögenswerte-Spalte, da die Mieteinnahmen ihre monatlichen Einnahmen mehren.

 

Einnahmen-Überschuss-Rechnung EÜR

Bild: Beschreibt den Geldfluss. Vermögenswerte mehren die monatlichen Einnahmen. Reziprok mehren Verbindlichkeiten die monatlichen Ausgaben.

Für Anna und Paul ist das Haus also eine Verbindlichkeit, es ringt ihnen Geld ab. Unter anderen Umständen kann es jedoch sehr wohl auch ein Vermögenswert sein. Dafür müssen lediglich ein paar wenige Variablen geändert werden. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass das junge Paar sich für die Vermietung entscheidet und in eine andere Behausung zieht. Wenn Sie einen Mieter finden, der ihnen monatlich mehr zahlt als das Haus sie insgesamt kostet, wird aus einer Verbindlichkeit, ein Vermögenswert. Das Haus mehrt die monatliche Differenz aus Einnahmen und Ausgaben von Anna und Paul. Vermögenswerte aufzubauen ist also ein ziemliches lohnenswertes Unterfangen, schon deshalb um mehr als nur eine Einnahmensquelle zu haben und so finanziell unanbhängiger zu sein.

Warum ist Humankapital so wichtig?

Dieser Faktor ist einer, der häufig nur unbewusst in Betracht gezogen wird. Natürlich ist es einem bewusst, dass man mit einem höherwertigen Abschluss oder einer Fortbildung die Chance auf mehr Gehalt hat. Aber so richtig konkret wird selten darüber nachgedacht. Wenn ich mir jeden morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Cappuccino bei Starbucks hole, kostet mich das monatlich etwa 73 Euro. Dieser Betrag verursacht sogenannte Opportunitätskosten, die bei jeder Entscheidung die wir treffen entstehen. Ich hätte das Geld nämlich auch in ein Buch oder Hörbuch zur Weiterbildung investieren können. Rechne ich es es auf ein Jahr hoch, sogar in ein ganzes Seminar.

Ein Zahlenbeispiel beschreibt dies denke ich am besten.

Das monatliche Netto-Gehalt von Paul beträgt 2.500 Euro. Er ist 30 Jahre alt und wird voraussichtlich bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten müssen. Auf dieser Basis betragen die zukünftigen Einnahmen 1.110.000 Euro. Investitionen in Seminare, Spezialisierungen oder Fortbildungsmaterial welche das Potenzial schaffen sein Gehalt zu steigern, haben großen Einfluss auf die Zukunft der Vermögenswerte-Spalte. Eine Erhöhung des Netto-Gehalts um nur 200 Euro würde in der verbleibenden Arbeitszeit zusätzliches Investitions-Potenzial von 88.000 Euro schaffen. 

Ausführlich beschreibt diesen Prozess übrigens, samt netter Anekdoten, das Buch Rich Dad, Poor Dad von Robert Kiyosaki. Neben meinem Studium waren die Inhalte aus diesem Buch ausschlaggebend dafür, dass ich heute versuche finanzielles Grundwissen zu vermitteln, wann immer es möglich ist. Schon in verhältnismäßig jungen Jahren war ich überrascht, dass gleichaltrige Freunde und Bekannte so wenig Übersicht über ihre Einnahmen und Ausgaben hatten. Davon Vermögenswerte oder Verbindlichkeiten sauber zu beschreiben nochmal gänzlich abgesehen.

Zum teurem Mobilfunkvertrag kommen gerne noch verschiedene Zusatzversicherungen, Ratenzahlungen für diverse Konsumgüter, Mobiliar oder Autokredite. Es überraschte mich, dass sie praktisch keinerlei echte Übersicht mit einem entsprechenden Programm darüber erstellt haben. Ob monatlich Gewinn oder Verlust das Ergebnis ist, würde eigentlich erst bemerkt werden, wenn irgendwann das Konto leer ist. Glücklicherweise passte es bei den meisten mit dem Bauchgefühl. Aber ist das optimal?

Ob eine moralische Verpflichtung besteht strenger buchzuführen oder genügsamer zu sein, ist natürlich jedem selbst überlassen. 

Sinnvoll ist jedoch fast immer, es zu überdenken.